Den Flohack hats wieder mal dienstlich nach China verschlagen. 3 Wochen vor Ort, und es ist Zeit für ein Resumee. Kurzfassung: Was gestern noch galt, ist heute schon überholt. China zeigt gerade, was in der westlichen Welt ein Schreckgespenst ist: Leben zwischen Armut und Turbokapitalismus.
Nun also wieder in Tianjin. Einzugsgebiet mit 12 Millionen Bewohnern, und Hochhäusern wohin man schaut. Und dann ist es doch so, die Armut der Menschen kann nicht übersehen werden. Sie sitzen auf Fahrrädern, Elektrokarren und alten Mopeds und transportieren Menschen, Güter rund um die Uhr. Sie sammeln irgendwo Abfall ein, der vielleicht noch gebraucht werden kann. Sie verkaufen kandierte Früchte, Satay-Spießchen frisch von der Holzkohle und wenn das alles nicht geht, dann betteln sie eben bloß.
Daneben fahren die tollsten Luxus-Limousinen. BMW, Mercedes, Audi, Toyota, das ist man hier schon gewohnt. Aber Ferrari, Maserati und ähnliches ist dann doch ungewöhnlich. Die Menschen, denen diese Fahrzeuge gehören, versteh ich nicht: Bei dem Verkehr der hier herrscht, haben die sicher jeden Monat einen Blechschaden. So macht das doch keinen Spaß...
Nun gut. Akzeptieren wir mal den Umstand, daß einige zu Geld gekommen sind. Das ist jedem sein gutes Recht. Es ist mit meinem mitteleuropäischen Sozialempfinden und einer gewissen Empathie aber überhaupt nicht vereinbar, wie die Menschen dann damit umgehen:
- In der Zeitung wird über einen jungen Studenten berichtet, der bei einem Autounfall eine Frau mit ihrem Fahrrad niedergestoßen hat. Sowas kommt hier täglich vor. Die Radfahrer (auch Moped/Motorradfahrer) tragen alle keinen Helm und haben durchwegs auch kein Licht. Also irgendwie auch selber schuld. Daß er aber dann aus der Panik heraus, vielleicht Probleme zu bekommen, die nur leicht am Bein und Kopf verletzte Frau mit einem Messer tötet, ruft nur mehr blankes Entsetzen hervor.
- Wir wurden Zeuge eines ähnlichen Unfalls. Ein dreirädriger Elektrokarren (Fortsetzung der Fahrradversion der letzten 100 Jahre) stößt mit einem Auto zusammen, welches ihm den Weg abschneidet. Trotz der geringen Geschwindigkeit wird der Fahrer (ja ohne Helm und Licht) über die Motorhaube des Autos katapultiert und bleibt regungslos auf der Straße liegen. Als westlicher Gast ist man nun gut beraten, der Unfallstelle nicht näher zu kommen. Unterlassene Hilfeleistung ist hier kein Delikt, derjenige, der sich um den Verletzten kümmert, muß nämlich dann damit rechnen, die Rettung und das Krankenhaus im Voraus bezahlen zu müssen...
- Mein Starbucks-Restaurant hat über Nacht zugesperrt. Es hat lange standgehalten, seit letzten September wurde die angrenzende Shoppingmall abgerissen. Gut ich kann kein Chinesisch, vielleicht stands ja eh lange angeschrieben. Aber vor ein paar Tagen wars noch voll. Das Logo, die Leuchtreklame, alles, wurde einfach unsanft runtergerissen. Braucht ja keiner mehr.
Schauen wir nicht zurück, schauen wir nach vor. Das tun hier alle. Rücksicht kommt auch von zurück blicken, und das kann hier keiner mehr. Im Drang, größer, besser, schneller, schöner zu werden, wird rücksichtslos alles niedergewalzt, was eben noch chic war. Die Frage ist, ob diese Lebensweise ansteckend ist?
Zumindest alle Europäer, die sich hier lange aufhalten, zeigen die ersten Symptome. Es wird abfällig über Menschen geredet, in erster Linie natürlich über Frauen. Es wird die Höflichkeit vergessen. Es wird egoistisch vor sich hingelebt, immer nur für den Moment. Offenbar ist der Hedonismus ausgebrochen, und da das in Europa nicht so gut geht, freut man sich drauf, es in China mal ordentlich krachen zu lassen.
Schlimmer scheint es derzeit nur in Rußland und Umgebung zu sein. Indien zählt nicht, da die strengen gesellschaftlichen Regeln zwar zu einem ähnlichen Verhalten führen, die Freiheiten aber auch in der Oberschicht noch immer sehr eingeschränkt sein.
So hab ich es auch aufgegeben, am Abend irgendwelche Bars zu besuchen, die den Kollegen immer noch einladend erscheinen, wo man von den "asiatischen Schönheiten" umschwärmt wird. Es ist alles nur Lug und Trug, und am meisten belügt man sich selber. Solang man Geld in der Tasche hat, bekommt man die nötige Aufmerksamkeit. Und außerdem wird man abgezockt. Selbst ein Taxifahrer hats probiert, er wollte mir für eine Strecke von 8 Yuan glatt 50 abnehmen. Dreht das Taxameter nicht auf, und glaubt dann ich zahle gut. Streiten hilft nichts, ich hab dann 15 bezahlt, um ihn loszuwerden.
In welchem Land der Welt sonst ist Prostitution verboten, und gleichzeitig wird sie so aktiv betrieben wie hier? In meinem Hotel arbeitet im Sportbereich Miss Linda, Visitenkarte: "Ladies Manager". Fast 24h am Tag schickt sie einem die Girls für eine "Dream Massage", am besten gleich 2 oder 3, aufs Zimmer, man sucht aus, was paßt und hat dann seinen Spaß. Sie hat mich zweimal in der Gegend des Hotels erwischt, und mich zugeschwatzt. Alles ganz "secret". Ja klar...
Beenden wir diese Geschichte mit einem Fotos, das für sich selbst spricht. Asien wartet auf uns, ganz klar. Ob wir uns nicht doch vorsehen sollten?